1. Mai 2021

Heute zum Morgen

Redebeiträge

Aufruf

Seit November 2019 steht vieles Kopf, denn vor über einem Jahr wurde der erste Covid19-Fall bestätigt. „Flatten the Curve“ brachte einiges mit sich. Anfangs Hoffnung, Einkaufs- und Nachbarschaftshilfen, gemeinsames Musizieren über Balkone hinweg und Applaus für Krankenhauspersonal. Später jedoch neben unnötigen Hamsterkäufen von Toilettenpapier, Ärger über ständig wechselnde Regelungen, Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, Homeschooling (das so manches Familienmitglied in die Verzweiflung trieb), Vereinsamung, Versammlungen und Plattformen für ganz Ängstliche und unglaubliche Umsatzgewinne für Onlineriesen wie Amazon.
Und noch eines hat die Pandemie wohl deutlicher aufgezeigt als alle Texte und Demos zuvor: die Dilemmata des global integrierten Kapitalismus. Anders als jahrelang gepredigt, scheint der Markt nämlich nichts zu regeln. Stattdessen wurde deutlich wie instabil das geschaffene System von voneinander abhängigen Konsument*innen und Produzent*innen ist.
Wenn bspw. der reiche Norden nicht billige Kleidung im Überfluss konsumiert, leiden als erstes die (zumeist weiblichen) Produzent*innen in den südlichen Billiglohnländern, denen ihre gesamte Existenzgrundlage abhandenkommt. Und wenn die deutschen Reiseweltmeister*innen nicht die schönsten Strände der Welt heimsuchen, erhalten die in der Tourismusindustrie beschäftigten Einheimischen nicht die erforderlichen Löhne, um anschließend auch deutsche Industrieprodukte erwerben zu können.
Untersuchungen die zeigen, dass ein Pandemierisiko direkt mit einer kapitalistischen Produktionsweise zusammenhängen sind keine Neuheit. Also nicht nur der Verlauf der aktuellen Covid19 – Pandemie hat Folgen für unser aktuelles Wirtschaften, auch der Ausbruch scheint dem geschuldet. Wird es gelingen jetzt gemachte Erfahrungen ernst zu nehmen und nicht einfach nur ein zurück zum Davor in den Blick zu nehmen? Sicherlich nicht ohne Menschen, die laut darauf drängen!

„Keine echte soziale Veränderung wurde jemals ohne eine Revolution herbeigeführt…“


Die Tradition des 1.Mai beruht maßgeblich auf den Ereignissen des Haymarket Massakers im Jahr 1886 in Chicago. Nach einer Kundgebung am Abend des 1.Mai entspann sich ein mehrtägiger Streik mit der zentralen Forderung nach der Einführung des 8-Stunden-Tages, der in den tragischen Auseinandersetzungen des 3.Mai gipfelte. Den Straßenkämpfen mit der Polizei fielen 6 Arbeiter zum Opfer, hunderte wurden verletzt. Im Anschluss wurden 8 Redner verhaftet und als Rädelsführer wegen Verschwörung zur Aufruhr verurteilt. Vier von ihnen starben durch den Strick, ein weiterer entzog sich der Hinrichtung durch Suizid, die Verbliebenen wurden erst nach sechs Jahren begnadigt. Auf dem Gründungskongress der Zweiten Internationale 1889 wurde zum Gedenken an die Opfer des Haymarket Riot der 1. Mai als „Kampftag der Arbeiterbewegung“ ausgerufen. Auch die Forderung nach dem 8-Stunden-Tag wurde weltweit aufgenommen.

„… Revolution ist nur ein Gedanke, der in die Tat umgesetzt wird.“

Mit der Militanz der Suffragetten zum Frauenwahlrecht, mit einer mutigen Sitzplatzwahl im Bus gegen Rassismus, mit Protesten auf den Straßen Chiles gegen die soziale Ungleichheit im Land oder auf den Straßen Polens gegen das verschärfte Abtreibungsgesetz.
Auch hier und heute gilt: ein besseres Leben fällt nicht einfach so vom Himmel. Stellen wir uns also, statt klatschend an unsere Fenster und auf unsere Balkone, gemeinsam auf die Straße.

Lasst uns nicht länger warten!
Machen wir das heute zum Morgen!

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