Marcus zieht sich schonmal warm an

Uni Greifswald: Nachhilfe in Sachen Neonazi

Wer bisher immer dachte Einführungsveranstaltungen in das Fachgebiet der Politikwissenschaft seien eher dröge Vorlesungen, die man über sich ergehen lassen muss, um dann in die richtigen Veranstaltungen zu kommen, wurde heute eines besseren belehrt. Denn im Hörsaal 05 wurde vorgeführt, wie Politik auch sein kann. Und so haben die Studierenden auch heute etwas gelernt. Nota bene: Zwei Dutzend Kostümierte + Konfetti + Flyer + „Nazi“-Schilder + ein eingeschnappter Nazikader = geouteter Nazi.

Früher, da war Marcus G. einmal einer der führenden Köpfe der mittlerweile verbotenen Neonazikameradschaft „KS – Tor“ in Berlin. Dann kam er nach Greifswald und blieb trotz seiner notorischen Paranoia lange Zeit relativ unbehelligt. Heute dagegen saß Marcus eher bedröppelt in der Vorlesung. Kein Wunder: es ist mit Sicherheit wenig angenehm vor 200 Mitstudierenden so in die Öffentlichkeit gezogen zu werden.

Doch wer unbedingt der so genannten „Volksgemeinschaft“ wieder zum Durchbruch verhelfen will, wer einer Ideologie anhängt, die die Freiheitsrechte eines jeden Einzelnen in der „Volksgemeinschaft“ auflösen will, wer sich noch dazu mit persönlichem Engagement in einer gewalttätigen Neonazigruppe einbrachte, die zum Vorreiter, der als besonders gewaltbereit geltenden „autonomen Nationalisten“ bundesweit wurde, kann wohl kaum den Anspruch erheben, nach seinem gescheiterten Jurastudium auch noch in aller Unauffälligkeit Politik zu studieren.

Außer vielleicht Marcus G., der es vorzog sich in seinen Stuhl und seinem Kapuzenpullover zu verkriechen und mit ausgestrecktem Mittelfinger zu verharren (Ging der deutsche Gruß nicht irgendwie anders?), sahen das die meisten Student_innen wohl ebenso. Am Ende kam sogar stellenweise Beifall auf, als die Antifaschist_innen den Hörsaal ohne besondere Zwischenfälle wieder verließen. Auch in der Mensa war das Outing an vielen Tischen das Gesprächsthema Nummer eins. Neonazis hatten in der Vergangenheit immer wieder versucht sich bei den Studierenden anzubiedern.

Für Marcus G., der sich in seiner Freizeit auch gerne als Anti-Antifa-Aktivist betätigt, scheinen die Zeiten ungemütlicher zu werden. Am 10.12. findet in Greifswald eine Demonstration aus dem antifaschistischen Spektrum statt, bei der auch die hiesige Neonaziszene thematisiert werden soll. Insofern wird Marcus wohl in der Zukunft noch des öfteren Unigespräch sein.

In Greifswald war es in den letzten Monaten zu einer regelrechten Welle von Neonaziangriffen gekommen. So wurde versucht im Vorfeld der erfolgreichen Blockaden einer Neonazi-Demonstaration am Ersten Mai zwei alternative Zentren in Brand zu setzen. Auch wurden Gewerkschafter_innen von einem Neonazimob gejagt und in einem Studierendenwohnheim bei rechten Ausschreitungen ein Fenster zerstört.

Kommiliton_innen können nun mit den zusätzlichen Informationen eine gut fundierte Entscheidung treffen, ob es beispielsweise notwendig ist mit einem Neonazi einen Vortrag auszuarbeiten oder sich auch nur mit ihm zu unterhalten.

(etwas ausführlicher + Bilder gibt es den Artikel bei Indymedia links unten)

Ein Video von der Aktion gibt es hier zu sehen…

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