Erinnerungen an die 90er

Linkes Greifswald – Eine Spurensuche

Aktuell mobilisieren Antifaschistinnen und Antifaschisten unter dem Motto „Zieht euch warm an!“ zu einer Demonstration am 10.12.2011 nach Greifswald. Dabei soll auf das Problem der in diesem Jahr deutlich angestiegenen Gewalt von Neonazis in der Universitätsstadt aufmerksam gemacht und für Verhältnisse ohne Angst vor rechter Gewalt gestritten werden. Ein wichtiger Bestandteil zum Brechen der rechten Hegemonieansprüche sind seit jeher eine selbstverwaltete antifaschistische Jugendkultur und linke Freiräume, die eine Alternative zu den stumpfen braunen Verhältnissen anbieten. Greifswald ist nicht nur die letzte größere Stadt im Osten, sondern hatte in der Vergangenheit eine sehr entwickelte linke Projekt-Landschaft. Vorpommern und Einöde, das ist keine notwendige Verbindung. – Kombinat Fortschritt unternimmt eine Spurensuche.

Wenn man dieser Tage den Weg vom Greifswalder Hauptbahnhof zum Internationalen Kulturwohnprojekt nimmt, liegt wie überall nasses Laub auf dem Gehweg in der Bahnhofsstraße. Auf der rechten Seite kommt nach wenigen Minuten die Pfarrer-Wachsmann-Straße in Sicht. Über lange Jahre fand sich in dem kopfsteingepflasterten Weg eine Brache, heute stehen neu erbaute Häuser dicht an dicht. Anfang der 1990er Jahre gab es in der Nr. 4 der Wachsmann-Straße allerdings ein berüchtigtes besetztes Haus. Der Ruf rührte vor allem von den häufigen und für heutige Verhältnisse sehr krassen Auseinandersetzung mit den lokalen Nazis her. Regelmäßig fanden Straßenschlachten mit Einsatz von Molotov-Cocktails statt. Diese kleine Straße spielte daher in den frühen 1990er Jahren eine wichtige Rolle in der Geschichte der Hausbesetzerszene in Vorpommern. Das klingt unwirklich: Hausbesetzerszene von Vorpommern. Und dieses Gefühl, dass hier die Worte und das Gemeinte nicht recht zusammen passen wollen, ist ein wenig symptomatisch für das Bild von der einzigen richtigen Stadt im östlichen Vorpommern, das heute in den Köpfen präsent ist.

Auch heute gilt Greifswald als einer der letzten Orte, in denen sich in Ansätzen so etwas wie urbanes Leben findet; der Rest ist, so sagen die Klischees, schöne Landschaft und Arbeitslosigkeit. Noch findet sich hier eine ziemlich gute Infrastruktur für Alternativkultur, doch die Bedingungen waren in der Vergangenheit noch ganz andere. An der Straßenecke Karl-Marx-Platz/Lange Straße ist heute nur noch eine Baulücke zu erkennen, wo sich früher das AJZ befand. Im Jahr 1991 wurde das ehemalige Kinderheim, dessen Besitzansprüche zur damaligen Zeit ungeklärt waren, von Greifswalder Jugendlichen besetzt. Es wurde ein Freiraum geschaffen, in dem sich Jugendliche politisch und kulturell ausleben konnten. So entstanden unter anderem ein Konzertsaal, Café, Infoladen und eine Fahrradwerkstatt. In einem Dossier der Jungle World hat Alexander Pehlemann, einer der Akteure aus den 1990er Jahren in Greifswald, gesagt, dass es irgendwann keinen Sinn mehr hatte in andere Städte zu fahren, weil es in der Stadt am Bodden so viele Möglichkeiten gab, dass für das Verreisen gar keine Zeit mehr übrig war. Zu jener Zeit gab es mit dem AJZ, dem Jugendzentrum Klex und dem Jugendhaus Pariser drei linke Objekte die alle höchstens 200 Meter Luftlinie von einander entfernt lagen. Seit Mitte der 1990er Jahre wurden allerdings Besitzansprüche an dem Haus am Karl Marx Platz geltend gemacht und ein jahrelanger Rechtsstreit folgte. Anfang Januar 2000 erhielten die Bewohner des AJZ eine Räumungsaufforderung, am 4. Februar 2000 folgte die Räumung durch Polizeibeamte. Nach knapp 10 Jahren Leerstand wurde das Haus letztlich abgerissen. Dieses traurige Schicksal teilt das AJZ mit dem des alten AJZ in Neubrandenburg, das abgerissen wurde um Fläche für einen Parkplatz frei zu machen. Heute sehen die innenstadtnahen Stadtteile Greifswald aus wie in jeder anderen Stadt, in der die Gentrifizierung durchgesetzt wurde. Ganz ist die Erinnerung an diese Zeit aber nicht verflogen. Noch heute lebt in Greifswald etwas aus dieser vergangen Zeit fort. Noch immer gibt es Leute in der Provinz, die sie ständig zu vertreiben suchen.

Diese kleine Welt der Alternativkultur wurde im vergangenen Jahr massiv erschüttert. Im Vorfeld eines angekündigten Aufmarsches der NPD kam es zu Brandanschlägen auf verschiedene Projekte. Bereits zuvor hatte es einen Anstieg von gewalttätigen Übergriffen gegen Linke und Alternative gegeben, doch die von Nazis gelegten Brände riefen böse Erinnerungen an die 1990er Jahre hervor. Es wurde klar: Greifswald hat wieder ein Naziproblem. Im Aufrütteln aus der Situation der letzten, eher ruhigen Jahre liegt auch eine Chance. Es ist wieder an der Zeit sich der Tage zu erinnern als die Innenstadt von Greifswald noch nicht das sichere und ruhige, studentisch geprägte Zentrum gewesen ist, an Zeiten wo die Dominanz der Nazis auf der Straße erst zurückgedrängt werden musste. Und ein solches Erinnern der eigenen linken Geschichte in der Stadt zeigt auch auf, was es bereits einmal alles gab und das es sich lohnt Freiräume zu erkämpfen.

via KombinatFortschritt

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