Neonazis stören Holocaust-Gedenken in Greifswald

Pressemitteilung vom 29.01.2012

Neonazis stören Holocaust-Gedenken in Greifswald
Flugblätter verhöhnen Opfer des Nationalsozialismus

Wie vielerorts wurde in Greifswald am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, an die nationalsozialistischen Verbrechen erinnert und ihrer Opfer gedacht. Über hundert Gäste waren der Einladung der Universität, der Stadt und dem Kulturreferat für Pommern ins Pommersche Landesmuseum gefolgt. Greifswalder Neonazis nahmen die öffentliche Gedenkveranstaltung zum Anlass, mit revisionistischen Flugblättern ihre ideologische Nähe zum Nationalsozialismus zu demonstrieren und die Opfer der NS-Verbrechen zu verhöhnen.

Unverhohlen werden in den Flugblättern der „Nationalen Sozialisten Greifswald“ (NSG) die deutsche Kriegsschuld geleugnet und Nationalsozialisten zu Freiheitskämpfern stilisiert. Von „Märchen […] der ewigen deutschen Schuld“, „verfälschter Geschichts-“ und „antideutscher Lügenpropaganda“ ist wahlweise die Rede. Während man „Greueltaten [sic!] der Besatzer“ bejammert, schweigt man systematisch von deutschen Kriegsverbrechen und dem Holocaust. Der Opfer der Nazis entledigte man sich bereits einleitend, indem man ihren Opferstatus mithilfe von Anführungsstrichen negierte. Unmittelbar nach dem Versuch, die Hetzschriften im Publikum zu verteilen, wurde die Gruppe um Marcus G. der Veranstaltungsräume verwiesen.

Im vergangenen Jahr machten Neonazis in Greifswald und Umgebung regelmäßig mit Schmierereien, Hetzjagden und Brandanschlägen auf sich aufmerksam. Die NSG wird häufig mit derlei Gewalt- und Propagandadelikten in Verbindung gebracht. Am Holocaust-Gedenktag hatte die Polizei die Neonazis jedoch offenbar nicht im Visier. Dabei hätte es wohl ungeachtet möglicher strafbarer Inhalte eine rechtliche Handhabe zum Vorgehen gegeben, da die verteilten Flugblätter unter falschem Impressum firmierten. Laut Landespressegesetz kann diese Ordnungswidrigkeit mit einer hohen Geldbuße geahndet werden.

Auch in Rostock und Burg Stargard spähten Neonazis am 27. Januar Gedenkkundgebungen aus, um sich anschließend im Internet in „Schuldkult“-Rhetorik zu üben, eine „Anti-Rechts-Industrie“ herbeizureden und eine hohe Polizeipräsenz zu beklagen. „Neonazis versuchen immer wieder durch ihre Präsenz Menschen einzuschüchtern und unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit die Geschichte zu relativieren. Die widerliche Hetze der Neonazis zeigt, wie aktuell und notwendig die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte ist“, so Katharina Lang von der Antifa-Gruppe Defiant: „Die menschenverachtende Ideologie alter und neuer Nazis hat im öffentlichen Raum keinen Platz. Das engagierte Eingreifen der Anwesenden bei der Gedenkveranstaltung in Greifswald verdient daher großen Respekt.“

Seit Ende der 1990er Jahre wird der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus in Greifswald mit Vorträgen und Diskussionsrunden begangen. In diesem Jahr widmeten sich die Vorträge thematisch der NS-Zwangsarbeit. Die Zahl der Frauen, Männer und Kinder aus allen Teilen Europas, die unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit verrichten mussten, wird auf etwa 20 bis 25 Millionen geschätzt. Der Großteil der Betroffenen erhielt nie eine Entschädigung. Die vorgestellten Forschungsergebnisse machten zudem deutlich, dass der Einsatz von Zwangsarbeiter_innen auch in Greifswald allgegenwärtig war.

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