Schon wieder

Neonazis auf Festumzug in Vorpommern

Es war zu erwarten oder mindestens zu befürchten: Am Wochenende haben wieder einmal Neonazis in Grimmen im Landkreis Vorpommern/Rügen einen Festumzug genutzt, um sich mit ihrer Propaganda unter die öffentliche Veranstaltung zu mischen. Zur Feier der Verleihung des Stadtrechtes vor 725 Jahren hatten Bürgerinnen und Bürger der Stadt neben einem Festprogramm auch einen Umzug veranstaltet, mit dem die Stadtgeschichte dargestellt werden sollte. In diesen reihten sich auch 8-10 Rechte ein, die mit schwarzen Hemden bekleidet und mit schwarzen Fahnen ausgestattet an die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg „erinnern“ wollten. Nur einigen wenigen schien es aufgefallen zu sein, dass es sich um Neonazis handelte. Es war nicht erkennbar, dass sich Zuschauende daran störten. Auf einem mittelalterlichen Markt im Volkspark tummelten sich wenig später nach Berichten von Augenzeug_innen Neonazis am Stand eines Vereins namens “Wolfsrudel Pommern”, welcher im nahegelegenen Leyerhof regelmäßig in Kostümierung Sonnenwendfeiern abhielt. Am Nachmittag wurden Schülerinnen und Schüler eines Antirassismus-Projektes bespuckt und bedroht. – Einblicke in eine ganz normale Kleinstadt in Vorpommern, eine Kooperation von Kombinat Fortschritt und der Antifagruppe Defiant.

Gegen 11 Uhr baute die Initiative “Schule ohne Rassismus” des Gymnasiums Grimmen in der Stadt einen Stand auf. Ab 13 Uhr saßen dort Schüler_innen und informierten über das Projekt ihrer Schule. Von der Beteiligung der Neonazis am städtischen Festumzug und vom regen Interesse am Mittelaltermarkt ahnten sie zu diesem Zeitpunkt nichts. Gegen 16.30 Uhr kam dann erstmals eine Gruppe von ca. 10 überwiegend männlichen Neonazis vorbei. Die Rechten waren hauptsächlich schwarz gekleidet und hatten einschlägige Symbole und Zahlencodes auf ihren Shirts. So trug einer der Neonazis einen Aufdruck mit einer Schwarzen Sonne. Es begann, wie es so häufig auf Stadtfesten im ländlichen Raum beginnt: Die Rechten begannen die Schüler_innen anzupöbeln und zu bedrohen. “Dieser Stand wird später sowieso brennen”, kündigen die Neonazis an. Eine Frau aus der Gruppe der Rechten macht Fotos von den Schüler_innen. Darauf entfernten sich die Neonazis zunächst zu einem Bierstand. Einige Zeit später kehrten sie allerdings wieder, pöbelten erneut, entwendeten Infomaterial, bespuckten das Banner der Initiative und kippten Bier in die aufgestellte Spendenbox. Die Vorfälle werden von vielen Zeug_innen wahrgenommen, niemand mischt sich ein. Um 17.30 Uhr wurde der Stand dann, aus Sorge um die eigene Sicherheit, von den Schüler_innen abgebaut.

NDR und Ostsee-Zeitung waren auf den Feierlichkeiten vor Ort, erwähnen in ihrer Berichterstattung allerdings nichts von diesen Vorgängen. Auf Nachfrage behauptet ein OZ-Mitarbeiter, dass ihm das mit den Personen in dem Umzug auch seltsam vorgekommen wäre, ihm aber auf Nachfrage gesagt wurde, dass die Personen keine Nazis wären, sondern nur junge Menschen aus Grimmen, die mit den schwarzen Fahnen die Trauer um die Weltkriege darstellten. Die richtigen Schlüsse aus dem Auftritt zogen offenbar nur wenige Menschen. Aber ist es denn so schwer Nazis zu erkennen, wenn sie einem vor der Nase entlang marschieren?

Sorge um den eigenen Ruf

Bei einem ähnlichen Festumzug hatten sich vor Kurzem im ostvorpommerschen Löcknitz ebenfalls Neonazis unter die Darstellenden gemischt. Dabei lief ein Teil von ihnen in originalgetreuen Wehrmachtsuniformen im Aufzug mit. Nachdem Filmaufnahmen des Umzuges veröffentlicht wurden, folgte eine Welle der öffentlichen Empörung. Die Organisator_innen des Umzuges in Grimmen hätten daher zumindest davon ausgehen können, dass die Gefahr eines Beteiligungsversuches von Neonazis auch in ihrer Stadt besteht. Denn auch im Heimatort des derzeitigen Wirtschaftsministers von Mecklenburg Vorpommern, Harry Glawe (CDU) gibt es einige Aktivitäten einer lokalen rechten Szene. Diese werden im Vergleich zu anderen Regionen allerdings weniger oft über die Stadt hinaus bekannt und so steht die ehemalige Kreisstadt Grimmen bislang nicht in einem besonderen Fokus der Öffentlichkeit, wie es glücklicherweise in Anklam nach den dortigen Umtrieben mittlerweile der Fall ist. Vielleicht ist die Erduldung und die bisher ausgebliebene öffentliche Beschäftigung mit den Ereignissen vom Wochenende auch einer Angst der Bürgerinnen und Bürger geschuldet, die sich um den guten Ruf der Stadt sorgen. Denn die Stadt kämpft seit der Wende verzweifelt gegen den kontinuierlichen Bevölkerungsrückgang und den Verfall der zu DDR-Zeiten angesiedelten und subventionierten Industrie. Zuletzt ist mit der Kreisgebietsreform auch noch der Titel der Kreisstadt verloren gegangen, an dem eine nicht unerhebliche Anzahl von Arbeitsplätzen in der Verwaltung hängt. Die Stadt Grimmen hat dieselben Probleme, wie sie sich in vielen anderen Kleinstädten im Bundesland 20 Jahre nach der Wende auch finden lassen.

Neue Arbeitsplätze erhofft man sich unter anderem durch den Tourismus. Und deshalb will man auch keine neuen Probleme hinzu bekommen. Doch dieser sehr häufig anzutreffende Denkfehler einer schwach ausgeprägten Zivilgesellschaft in den ländlichen Regionen des ganzen Bundeslandes – dass es schon nicht so schlimm werde, wenn nur niemand eine große Sache aus den lokalen Naziaktivitäten machen würde – kommt den Zielen der Rechten sehr entgegen. Denn letztlich steht hinter dem Auftreten wie jüngst in Grimmen der Wunsch der Neonazis als ganz normaler Teil der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Das Schweigen zu rechten Umtrieben ist, wie aber ein kurzer Rückblick in das letzte Jahrzehnt belegt, absolut keine Lösung.

Trügerische Ruhe auf dem platten Land

Die lokale Szene hat in den vergangenen Jahren immer mal wieder für kurze Zeit Schlagzeilen gemacht und ist dann wieder in der Nichtbeachtung versunken, in der sie ungestört gedeihen konnte. Szenekenner_innen berichten, dass die Neonazigruppierungen in Grimmen in Bezug auf die Altersgruppen sehr durchmischt sind. Einige Akteure sind seit mindestens zehn Jahren in der Stadt als Nazis aktiv, andere haben erst vor Kurzem die Schulausbildung beendet. Neonazis und “normale Jugendliche” hängen gemeinsam rum. Berührungsängste gibt es kaum. Nur Menschen, die ausdrücklich ein Problem mit Nazis haben oder nicht ins rechte Weltbild passen, bekommen regelmäßig Ärger. Über diese Alltäglichen und in Bezug auf das ganze Bundesland keineswegs besonders herausstechenden Verhältnisse hinaus gab es allerdings auch immer wieder besonders krasse Auswüchse rechter Gewalt, rassistische Ausfälle und deutlich wahrnehmbare rechte Organisierungsversuche.
So wurde in den frühen Morgenstunden des 26. März 2001 der 51-jährige Fred Blanke in Grimmen tot in seiner Wohnung entdeckt. Der alkoholkranke Frührentner war dort von einem 17- und einem 21-jährigen Mann aus der rechten Szene mit Faustschlägen und Fußtritten erschlagen worden. Fred Blanke wurde so schwer am Kopf verletzt, dass er an einer Gehirnblutung starb. Die Tat reihte sich in eine Serie von Morden an Obdachlosen und Alkoholabhängigen ein, die zu Beginn der 2000er Jahre im östlichen Teil des Bundeslandes von verschiedenen Tätern verübt wurden, die alle eines gemeinsam hatten: den aus ihrem rechten Weltbild entspringenden Hass.

Im Frühjahr des Jahres 2003 waren es vor allem die Grimmener Bürger selbst die für Schlagzeilen sorgten. Vor dem Hintergrund eines Erlasses des Innenministeriums, nachdem abgelegene „Dschungelheime“ und lebensunwürdige Gebäude, die bislang als Unterkünfte für Asylsuchende genutzt wurden, geschlossen werden sollten, überlegte man auch in Grimmen eine Unterkunft in einem ehemaligen Seniorenheim mitten in der Stadt einzurichten. Wie überall im Bundesland kam es bei dieser Suche nach Ersatzobjekten zu Gegenaktionen – allerdings zumeist von Bürgerinnen und Bürgern. Ausgetragen wurde dies in Grimmen vor allem in der Lokalausgabe der Ostsee-Zeitung, nachdem der Bürgermeister Benno Rüster (CDU) die Bürgerinnen und Bürger zum Dampfablassen aufgefordert hatte.

In der Mitte der 2000er Jahre widmete sich der Stralsunder Neonazi Robert Rupprecht (derzeit wegen Autorenschaft beim Internetportal Altermedia in Haft) den Kameraden vor Ort. Er fand in Nico Blödorn aus dem benachbarten Stoltenhagen einen hoffnungsvollen Kandidaten. Mit der Ausdehnung der Aktivitäten von Rupprechts Stralsunder Kameradschaft „Freundeskreis Avanti“ auf das Umland, erreichte die dortige Neonazi-Szene ihren bisherigen Höhepunkt. Begünstigt wurden sie dabei immer wieder von sich inkompetent verhaltenden Lokalpolitikern, wie dem Bürgermeister Benno Rüster (CDU), und einer Polizei, die oft genug den Eindruck machte sich lieber gütlich mit den Neonazis einigen zu wollen, als deren Umtriebe zu verfolgen. Allerdings brachen im Zuge der Querelen mit dem Stralsunder Kreisverband der NPD auch die Aktivitäten der Kameradschaft ein. Seit dieser Zeit war wenig aus Grimmen zu hören, wenngleich der Alltag in der Stadt immer wieder von spontanen, oft aus der Trunkenheit heraus verübten gewaltsamen Übergriffen von Neonazis geprägt war.

Doch die vermehrten Aktivitäten der letzten Wochen und Monate zeigen, dass die lokale Neonazi-Szene von der relativen Ruhe, die ihr in den letzten Jahren gelassen wurde, profitiert hat. Szene-Kenner_innen berichten von Rechtsrockkonzerten, die im Herbst und Winter letzten Jahres fast ohne öffentliche Wahrnehmung in der Stadt durchgeführt wurden. Diese sollen von 200-300 Neonazis und Sympathisant_innen besucht worden sein. Doch die Aktivitäten lokaler Neonazis beschränken sich nicht auf gemeinsame Sauf- und Rechtsrockabende. Man stört z. B. auch Bürgerversammlungen wie im benachbarten Franzburg, um gegen die Unterbringung von Flüchtlingen zu hetzen. Regelmäßig besuchen Rechte aus der Trebelstadt auch die regionalen Aufmärsche der NPD. So zum Beispiel den Wahlkampfauftakt der NPD am 1. Mai im vergangenen Jahr in Greifswald und die geschichtsrelativierenden Aufmärsche in Demmin zum 8. Mai. Auch in diesem Jahr beteiligten sich wieder lokale Neonazis an den beiden Demonstrationen im Mai.

Kein ruhiges Hinterland dulden!

Dass die Nazis seit längerer Zeit nun auch wieder in der eigenen Stadt öffentlich mit politischen Aktionen auftreten, verwundert vor diesem Hintergrund nicht. Das lokale Problem existiert und es verschwindet nicht vom Wegschauen und Verschweigen. Im Gegenteil, die Arbeit engagierter Menschen vor Ort wird immer dort erschwert, wo sich ein großer Teil der Anwohner_innen weigert, sich mit dem Problem der heimischen Naziaktivitäten zu beschäftigen.

(Quelle: KombinatFortschritt)

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