Wo wir am Leben gehindert werden…

…fängt unser Widerstand an

Beinahe fünf Jahre sind vergangen, seitdem unzählige Vereine und Initiativen die Straze, das Wohn- und Gesellschaftshaus in der Stralunder Straße 10 in Greifswald, verlassen mussten. Von der Universität zum Kauf ausgeschrieben erhielt letztlich das Petruswerk den Zuschlag; Ein bis 2003 zum Berliner Erzbistum gehörendes Unternehmen, das sich mit unverkäuflichen Luxusimmobilien verspekulierte und schließlich von der AVILA-Gruppe geschluckt wurde.

Generieren von Mehrwert um jeden Preis

Bereits wenige Wochen nach dem Erwerb stand fest, dass eine Sanierung und vor allem der Betrieb des denkmalgeschützten Objektes zu teuer sein würden. Der neue Investor präsentierte nicht nur umgehend Neubaupläne, sondern verweigerte auch die Betretungserlaubnis, was die Entwicklung eines Sanierungskonzeptes durch die Bürgerinitiative zur Rettung des Hauses unmöglich machte. Kurz darauf begannen nicht genehmigte Abrissarbeiten. Während das Haus zerfiel, kletterten Verkaufspreise an Stadt und Bürgerinitiative auf über das Dreifache des Kaufpreises – eine völlig unangemessene Wertsteigerung des Objektes. Petruswerk und Douglas Fernando, in Personalunion Teileigner und Geschäftsführer, stehen in Greifswald des weiteren für:

  • Ein Vier-Sterne-Hotel statt altem Speicher am Hafen
  • den Erwerb eines 13 Hektar großen Grundstücks am Ryck, welches aufgrund seiner Lage als „Gebiet mit Zukunftspotenzial“ gilt. Der Entwurf für dessen Nutzung, Ergebnis eines städtebaulichen Wettbewerbs, wird jedoch keine Berücksichtigung finden.
  • 400 Studierendenzimmer a 10m² im sogenannten Akademiepark zur Warmmiete von 349,00 €.

Üppige Mieten statt sozialem Wohnraum

Erst in diesem Jahr legte die Stadt Greifswald einen neuen Mietspiegel auf mit dem eindeutigen Ergebnis weiter steigender Mieten. Dies betrifft auch Wohnungen ohne Sammelheizung und separatem Bad, mit dem WC außerhalb der Wohnung. In Greifswald wird sich zukünftig am höchsten Mietpreisniveau orientiert und nicht wie bisher am Durchschnitt des Mietspiegels. Diese Entwicklung wird von der WVG durch sogenannte Modernisierungsmaßnahmen gerechtfertigt- damit ist der Umbau von Mehrraum zu Einraumwohnungen gemeint.
Hinzukommt, dass für eine Prämie von 100,00 € pro Quadratmeter bis 2015 voraussichtlich circa 314 Wohnungen vom Wohnungsmarkt genommen werden sollen.
Eine weitere Ursache für die steigenden Mietpreise für beispielsweise Studierendenwohnungen liegt ganz klar in der gängigen Grundstücksvermarktung in Greifswald. Private Anbieter wie das Petruswerk haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Grundstücke erworben, neu bebaut und somit die Lücke im studentischen Wohnraum besetzt. Befördert wurde dieser Prozess durch die Landesregierung, die sich komplett aus der Förderung beim Bau von Wohnungen durch das Studentenwerk zurückzog. Das alles ungeachtet der Tatsache, dass Greifswald bereits vor einigen Jahren auf Platz zwei der höchsten Mieten in ganz Deutschland lag.

Kein Einzelfall

Steigende Lebenserhaltungskosten, städtische Sparmaßnahmen – Schlagwörter die nicht nur die Stadtpolitik Greifswalds bestimmen. Auch in Rostock und vielen anderen Städten Mecklenburg-Vorpommerns müssen Freiräume und Keimzellen vielfältiger Aktivitäten, Orte, die in die Region und die Gesellschaft hinein wirken wollen, hart um ihre Daseinsberechtigung kämpfen. Dabei sind es Projekte wie das JAZ, der Awiro oder das Peter-Weiss-Haus, die vielen von uns ein Stück Unabhängigkeit schenken. Orte, an denen ehrenamtliche Arbeit und ideelle Hilfe bei den beteiligten gemeinnützigen Initiativen und Projekten verbleibt und nicht mehr auf dem Kapitalmarkt landet.

Ein Recht auf Stadt für alle

Ob neuer Mietspiegel, Wohnungsangebote oder Sozialmieten, der Trend kennt nur eine Richtung: nach oben. Doch steigende Mieten sind keine abstrakten Zahlen und Tabellen, sondern für sehr viele Menschen mit ganz konkreten Konsequenzen verbunden wie Modernisierungsankündigungen und rücksichtslosen Bauarbeiten, Räumungen und erhöhten Betriebskostenabrechnungen. Eine Antwort auf diese Entwicklung kann nur eine gemeinsame Gegenwehr auf die von der Politik verursachten Probleme sein.

Wir wollen eine Stadtpolitik, die sich aus der Perspektive der in der Stadt lebenden Menschen ihrer sozialen und ökologischen Verantwortung stellt und die Menschen nicht in „verwertbar“ oder „Ausschuss“ einteilt. Aufgabe der Politik ist es sicherzustellen, dass die Bevölkerung selbst bestimmen kann, in was für einer Stadt sie lebt.

Um aber überhaupt andere Perspektiven entwickeln und etablieren zu können, bedarf es unkontrollierter Räume und Orte, in denen probiert und diskutiert werden kann. Freiräume – frei von all den Zwängen, Normierungen und Erniedrigungen, die mit dem alles durchdringendem Kapitalverwertungsprozess einhergehen. Freiräume, deren Selbstverwaltung sich nicht mit kommerziellem Wirtschaften und neoliberaler Verwertungslogik vereinen lässt. Durch einen unermüdlichen jahrelangen Kampf des Kultur- und Initiativenhaus um die Stralsunder Straße 10 in Greifswald besteht nun die Möglichkeit, dieses durch Immobilienspekulation vom Abriss bedrohte Haus zu einem dieser Orte zu machen.

Selbstbestimmte Räume sind wichtig. Und ihre Bedeutung wird umso deutlicher, je mehr eine Stadt Verdrängung, Privatisierung und Kommerzialisierung betreibt. Wir brauchen keine weiteren Einkaufszentren, Eigentumswohnungen und Großprojekte für die Gewinner dieses Systems, sondern eine Stadtentwicklung, die sich klar und deutlich an den Bedürfnissen aller in einer Stadt lebenden Menschen, Vereinen und Projekten orientiert!

Wir fordern eine Stadt für alle!

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