Kundgebung gegen rechte Gewalt vor Amtsgericht und antifaschistischer Krankenbesuch

Eigentlich sollte heute vor dem Greifswalder Amtsgericht das Verfahren gegen Marcus G. verhandelt werden. Ihm wird vorgeworfen, während einer NPD-Kundgebung auf dem Greifswalder Marktplatz am 29. Juli diesen Jahres einen Gegendemonstranten durch einen Fußtritt verletzt zu haben. Von dem wohl stadtbekanntesten und sonst so umtriebigen Nazikader fehlte heute allerdings jede Spur. Per Fax meldete sich der Angeklagte am frühen Vormittag krank – ob er kalte Füße bekam, oder es doch eher an Dünnschiss lag kann momentan noch nicht gesagt werden.

Was war passiert?

In diesem Sommer machte die NPD während ihrer sogenannten “Anti-Asyltour“ auch auf dem Greifswalder Marktplatz halt. Bereits drei Tage zuvor mussten die “Kameraden“ um Udo Pastörs in der Rostocker Innenstadt das Feld mit einer für sie glanzlosen und vor Allem äußerst peinlichen Niederlage das Feld räumen. Mit einer Menge faulem Obst, Gemüse, Eiern und sichtlicher Wut im Gepäck setzten sie ihre rassistische Hetztour fort.

In Greifswald sollte dann alles anders laufen. Bereits vor Beginn der Kundgebung postierten sich an allen Ecken des Marktplatzes Kleingruppen von Neonazis, um eventuelle GegendemonstrantInnen einzuschüchtern – unter ihnen auch Marcus G. mit gewohnter Anti-Antifa-Ausrüstung. Trotz des sehr kurzen Mobilisierungszeitraums fanden sich innerhalb einer halben Stunde ca. 100 AntifaschistInnen am Ort des Geschehens ein, um der agressiven rassistischen Propaganda der NPD eine Abfuhr zu erteilen. Als nach einiger Zeit die Polizei in die Gruppe der Demonstrierenden stürmte, um eineN vermeintlicheN TomatenwerferIn festzunehmen, attackierten mehrere Nazis einige der AntifaschistInnen. Dabei versetzte G. einem Demonstrationsteilnehmer einen Fußtritt, woraufhin sich dieser durch den Sturz verletzte und anschließend medizinisch versorgt werden musste. Noch am selben Tag berichteten lokale und überregionale Blogs über die Tat.

Nur kurze Zeit später veröffentlichte Marcus G. in einem Text auf der Seite der “Nationalen Sozialisten Greifswald“ (NSG) seine eigene Sicht der Dinge, indem er seine Schuld bestritt und die Berichte von AntifaschistInnen als Lüge darstellte – ein dummer Schachzug, wie sich später herausstellen sollte. Am 01. September veröffentlichte der Fleischervorstadt-Blog ein brisantes Video, auf dem deutlich zu erkennen ist, wie der Greifswalder Anti-Antifa-Aktivist den Geschädigten zu Fall bringt. Nach Besichtigung dieses visuellen Beweises kommt man beim Lesen der vorherigen Stellungnahme nicht um lauthalses Lachen herum. So hieß es: “In diesem Zusammenhang soll Marcus G. beschuldigt werden, einen Antifaschisten durch einen Fußtritt verletzt zu haben. Dieser dementierte dies und stellte klar, dass dem nicht so ist. Er wurde abgeführt, weil er einen Stuhl aus der umliegenden Gastronomie in der Hand hielt, um sich damit schützend vor seine Freundin gegen den Angreifermob zu stellen. Dazu kam es aber nicht mehr, weil ein Polizist ihn sah und ihn anschrie, den Stuhl wieder hinzustellen. Dieser Aufforderung kam er wohl sofort nach. Was die Anzeige bringen wird, bleibt abzuwarten. Jedoch stellt dies wieder eine ganz andere Situation dar, als die von den Linksextremen erdachte Version. […] Nicht selten werden Tatsachen verdreht, Vorgeschichten weggelassen oder abstruse Lügengeschichten verbreitet.“ Das hätte sich ja ganz schön und heldenhaft lesen lassen können, wenn da nicht diese “faschistoide Medienmafia“ (Zitat von der Seite der NSG) gewesen wäre, durch deren Recherche sich der einsame, seine Freundin schützende Krieger doch nur als feiger Nazi enttarnt. Grundsätzlich offenbaren sich hier die dreisten Lügen der Greifswalder Nazis als systematische Propaganda.

Der Verhandlungstag

Heute war es nun soweit und das Verfahren gegen Marcus G. sollte um 13.30 Uhr vor dem Amtsgericht der Hansestadt verhandelt werden. Eine Woche zuvor meldete das Bündnis “Greifswald Nazifrei!“ eine Kundgebung für den Tag von 12 – 16 Uhr an, um sich mit dem Opfer zu solidarisieren und gegen rechte Gewalt zu demonstrieren. “[…] hier geht es um mehr als einen Einzelfall. Neonazis geben sich in der Öffentlichkeit oft bieder, Gewalt gegen Andersdenkende am Rande ihrer Veranstaltungen ist aber häufige Realität. [..] Umso wichtiger ist es daher, dass die Zivilgesellschaft ihre Solidarität mit den Betroffenen zeigt“ verkündete das Bündnis in seinem Aufruf.

Daraufhin wurde auch in rechtsradikalen Kreisen dazu mobilisiert zur Verhandlung zu kommen, um ihrem “Kameraden“ beizustehen. In einem Artikel auf dem antifaschistischen Blog Kombinat Fortschritt erinnerten die AutorInnen an den Pölchow-Prozess, bei dem ca. 50 Nazis linke ProzessbeobachterInnen angriffen und diese zum Teil schwer verletzten. Zu derartigen Szenen kam es am heutigen Tag zum Glück nicht. Von UnterstützerInnen des Angeklagten war weit und breit nichts zu sehen.

Ab um 12 Uhr versammelten sich ungefähr 100 KundgebungsteilnehmerInnen bei gutem Wetter am Gerichtsgebäude. Mit Redebeiträgen und Transparenten wurde auf den Anlass der Veranstaltung aufmerksam gemacht und klare Stellung gegen rechte Gewalt bezogen. JournalistInnen vor Ort berichteten nach kurzer Zeit, dass Marcus G. sich krank gemeldet hätte und gegenwärtig geprüft werde, ob der Beschuldigte verhandlungsfähig sei. Dann, 40 Minuten vor Prozessbeginn, gab es die offizielle Meldung, dass der Termin verschoben werde.

In einer Pressemitteilung von “Greifswald Nazifrei!“ äußerte sich Pressesprecher Benjamin Pfeiffer anschließend wie folgt: “Unsere Vermutung ist, dass Marcus G. sehr daran interessiert ist diesen Prozess in die Länge zu ziehen.” Eine Vermutung, die durchaus auch als eine reelle Einschätzung dienen kann. Der Umstand, dass keine Nazis vor dem Gericht auftauchten, ist ein Indiz dafür, dass diese schon vorher wussten, dass es an dem Tag nicht zu einer Verhandlung kommen würde. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass die Krankmeldung nur ein taktisches Mittel seitens des Angeklagten und seines Verteidigers Michael Andrejewski (NPD) war. Und das Marcus gerne und viel lügt, ist ja bekannt.

Antifaschistischer Krankenbesuch

Da G. von den Protesten vor dem Gerichtsgebäude durch sein Wegbleiben nichts mitbekommen konnte und man von seiner Krankmeldung nicht überzeugt war, machten sich anschließend 40 – 50 AntifaschistInnen spontan auf den Weg zum Wohnhaus des Nazikaders. Diese wollten damit zeigen, dass sie sich nicht von gewalttätigen Aktionen, ausgehend von Marcus G. oder anderen Mitgliedern der NSG, einschüchtern lassen und den Protest zur Not auch direkt vor seine Haustür bringen.

Null Toleranz für Nazis! Fight Back!

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