Zukunft statt Profite

header

1. Mai-Demonstration in Greifswald

Den 1.Mai verbinden viele heute wohl mit Familienausflügen ins Grüne, mit ritualisierten und verordneten Demonstrationen mit der Betriebsgruppe zu Ostzeiten oder höchstens noch mit gewerkschaftlichen Maifesten mit ordentlich Wurst und Bier. Welche historischen Begebenheiten hinter dem Kampftag der Arbeiterklasse stehen, ist dagegen weniger geläufig.
Die Tradition des 1.Mai beruht maßgeblich auf den Ereignissen des Haymarket Massakers im Jahr 1886 in Chicago. Nach einer Kundgebung am Abend des 1.Mai enstpann sich ein mehrtägiger Streik mit der zentralen Forderung nach der Einführung des 8-Stunden-Tages, der in den tragischen Auseinandersetzungen des 3.Mai gipfelte. Den Straßenkämpfen mit der Polizei fielen 6 Arbeiter zum Opfer, hunderte wurden verletzt. Im Anschluss wurden 8 Redner verhaftet und als Rädelsführer wegen Verschwörung zum Aufruhr verurteilt. Vier von ihnen starben durch den Strick, ein weiterer entzog sich der Hinrichtung durch Suizid, die verbliebenen wurden erst nach sechs Jahren begnadigt. Auf dem Gründungskongress der Zweiten Internationale 1889 wurde zum Gedenken an die Opfer des Haymarket Riot der 1. Mai als „Kampftag der Arbeiterbewegung“ ausgerufen. Auch die Forderung nach dem 8-Stunden-Tag wurde weltweit aufgenommen.

Der Mythos der sozial durchlässigen Gesellschaft

Während in der Bundesrepublik eine lange nicht da gewesene wirtschaftliche Stabilität und der damit einhergehende konstante Aufschwung gefeiert wird, stellen viele ihrer Bürger_innen fest, wie bitter erkauft diese Lage am Weltmarkt ist. Für viele Beschäftigte bedeutete dieses „fit machen für die Zukunft“ vor allem Entgrenzung ihrer Arbeitszeit, Befristung ihrer Arbeitsverträge, Leiharbeit und Mini-Jobs. Auch halbherzig eingeführte Maßnahmen wie der Mindestlohn können daran nicht viel kitten. Während es den Unternehmen blendend geht, sehen sich die meisten Beschäftigten von Zukunftsängsten geplagt.

Notstand in der Pflege Und was ist mit Oma und Opa?

Die Herausforderungen, die sich uns in der alternden Gesellschaft stellen werden zwar oft betont, an der Arbeitsrealität in Gesundheits- und Pflegeberufen ändert sich währenddessen nichts. Stattdessen greift auch hier die Flexibilisierung um sich und die Beschäftigten beklagen die mangelnde Wertschätzung ihrer Arbeit. Klassisch bleibt Pflege- und Sorgearbeit bis heute drastisch unterbezahlt, wenn sie nicht gar, alten Rollenbildern entsprechend, ohne Entlohnung vor allem von Frauen im privaten Rahmen geleistet wird. So lange sich aber immer noch ausreichend Personal findet, um den pensionierten „Leistungsträgern“ unserer Gesellschaft die Ärsche zu wischen, wird sich daran wohl auch nichts ändern.

Industrie 4.0 oder „Die schöne neue Arbeitswelt“

Am Horizont dämmert bereits das Ende der Arbeitswelt wie wir sie kannten. Modeworte wie Industrie 4.0 werden nicht nur gerne von Marketingstrategen und Arbeitgeberverbänden im Mund geführt, auch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat Ende 2016 ein eigenes Weissbuch zum Thema Arbeit 4.0 herausgegeben. Hierin propagiert es die sozialpartnerschaftliche Gestaltung von Arbeitsbedingungen im digitalen Zeitalter. Während Thinktanks von Arbeitgeberverbänden bereits sehr detaillierte Forderungen nach Deregulierung von Arbeitszeiten und Arbeitsverträgen, nach Flexibilisierung des Datenschutzes und nach Ausbau von Leiharbeit und „Crowdworking“ stellen, tun sich die Gewerkschaften noch schwer damit, Gegenmacht aufzubauen oder fallen auf den sozialpartnerschaftlichen Weg der Gestaltbarkeit herein. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass sich das Versprechen, dass technologischer Fortschritt zu weniger Arbeit und besseren Arbeitsbedingungen führt, nur selten erfüllt hat. Jede Arbeitszeitverkürzung musste hart erkämpft werden. Durch immer drängendere Forderungen aus den Reihen der Beschäftigten der Basis wurde dieses Thema jetzt endlich auch von den Gewerkschaftsfunktionären auf die Agenda gesetzt. So sind die Funktionäre der IG-Metall mit der Forderung nach einer Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit bis auf 28 Stunden in die laufende Tarifrunde gestartet. Diese Forderung mutet im Vergleich zu vergangenen Jahrzehnten, in denen es noch um bedingungslose Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich ging, mehr als handzahm an. Nichtsdestotrotz löste sie bei den Arbeitgeberverbänden einen Aufschrei aus.

Die Zukunft hängt von uns ab

Knüpfen wir an die Tradition des 1.Mai an, welche eng mit der Erkämpfung des 8-Stunden-Tages verbunden war. Egal ob Auszubildende, Student, Facharbeiterin, wissenschaftliche Mitarbeiterin mit befristetem Vertrag oder schwer vermittelbarer Arbeitnehmer um die 50. Lassen wir uns nicht verwalten und verarschen. Wenn wir nicht das Maul aufmachen wird die Zukunft der Arbeit von denen bestimmt, die uns noch nie was geschenkt haben. Wir haben es in der Hand, ob der Wandel für uns Erleichterung der Arbeit oder unsere totale Kontrolle und Überwachbarkeit bedeutet.
Auch 132 Jahre nach den Ereignissen des Haymarket Riot gilt, ein besseres Leben fällt weder vom Himmel, noch erkämpft es sich allein durch Bockwurst essen.

Deshalb heraus zum 1.Mai! Machen wir klar, dass wir, wenn es um unsere Zukunft geht, ein gehöriges Wörtchen mitzureden haben!

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: