Care if you can

Am 01.Mai 2022 lud die Antifa United zu einem antikapitalistischen Fest und einer Demonstration nach Rostock/Toitenwinkel. Hier könnt ihr unsere Redebeitrag zur Situation von Carearbeiter*innen im Zusammenhang mit der Pandemie lesen:

Nur selten stand bisher die Arbeit des sich Kümmerns im Fokus öffentlicher Diskurse. Carearbeit beschreibt alle Tätigkeiten der personenbezogenen Selbst- und Fürsorge. Dazu zählen sowohl bezahlte als auch unbezahlte Arbeiten im Haushalts- und Wohnbereich, Pflege, Gesundheitswesen, Sexarbeit, Assistenz sowie die Erziehung und Bildung. Obwohl dies essenzielle Bestandteile jeder Gesellschaft sind, gilt sie als unproduktiv und nicht wertschöpfend, weil sie keinen Warenwert erzeugt, sondern Gewinn in scheinbar außerökonomischen Werten wie Zufriedenheit, Gesundheit und sozialem Zusammenhalt besteht. Menschliche Bedürfnisse spielen im Kapitalismus eben nur insofern eine Rolle, als sie für die Herstellung einer flexiblen, leistungsstarken und gut einsetzbaren Arbeitskraft von Bedeutung sind. Dabei sind alle Menschen in hohem Maße z. B. in der Kindheit oder bei Krankheit, aber auch im Alltag auf Unterstützung anderer angewiesen.
In Zeiten der weltweiten Covid-19-Pandemie, die bis heute über sechs Millionen Tote verzeichnete, zeigt sich deutlich, welch hohe Bedeutung die Carearbeit in unserer Gesellschaft innehat. Gerade zu Beginn der Pandemie schien ein Bewusstsein über die Notwendigkeit der Sorgearbeit in der Öffentlichkeit zunehmend an Raum und Bedeutung zu gewinnen. Doch klatschen alleine wird nicht zu nachhaltigen Verbesserungen der Rahmenbedingungen von Carearbeiter*innen führen.

Die anhaltende Pandemie sorgt für eine Verstärkung ungleicher Verhältnisse. Zu dem eigentlichen Job und den alltäglichen Haushaltsarbeiten kommen Kinderbetreuung und Homeschooling für viele Familien hinzu. Vor allem Mütter in heteronormativen Familienzusammenhängen übernehmen diese zusätzlichen Aufgaben. Die Folgen sind neben einer permanenten Überbelastung die Verhärtung patriarchaler Unterdrückung durch einen Rückzug aus selbstständigen Lohntätigkeiten, etwa weil Stunden reduziert oder das Arbeitsverhältnis gänzlich beendet wird, woraus eine finanzielle Abhängigkeit entsteht. Nicht selten gibt es auch heute noch Stimmen, die sagen „Kindererziehung und Haushalt sei Frauenarbeit“. Auch im beruflichen Kontext der menschenbezogenen Fürsorgearbeit werden die Aufgaben des sich Kümmerns, in meist prekären Beschäftigungsverhältnissen zu 80 % von Frauen und Migrant*innen geleistet, welche ohnehin unter sexistischen und rassistischen Kriterien des hiesigen Arbeitsmarktes zu leiden haben. Die Corona-Pandemie ist nicht Verursacher patriarchaler Verhältnisse, aber sie zeigt auf, wie manifestiert veraltete Familienkonzepte und Rollenbilder in breiten Teilen dieser Gesellschaft sind und verstärkt diese zusätzlich. Ginge es nach rassistischen und konservativen Kräften, würde sich dieses Modell gänzlich etablieren. Doch eine derart veraltete Vorstellung kann keine Grundlage einer emanzipierten und solidarischen Gesellschaft sein.

Pädagogik im Kapitalismus
Für Pädagog*innen in den Kindertagesstätten, den Schulen, Jugendhilfeeinrichtungen und weiteren Bereichen der Erziehung und Bildung ist Homeoffice nur bedingt eine realistische Option. Auch in diesem Sektor hat die Entwicklung der Krise einen enormen Einfluss auf die soziale Reproduktion. Sie sorgt für eine drastische Verschärfung ohnehin bestehender Missstände wie Personalengpässe, Erhöhung der Arbeitsbelastung und komplette Schließung wichtiger Angebote wie die der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Eine tatsächliche und notwendige monetäre Unterstützung, um weiterhin eine fachliche Betreuung gewährleisten zu können, gab es nur für wenige Bereiche. Vor allem für Kinder aus ohnehin prekären Lebenszusammenhängen hat die aktuelle Entwicklung mehr als einen bitteren Beigeschmack. Neben einer noch stärkeren Verdrängung häufen sich Fälle psychischer und physischer Gewalt.

Die Jugendhilfe ist Teil sozialstaatlicher Leistungen und somit eigentlich kein Sektor der Privatwirtschaft, welche durch Verwertungsbedingungen des Kapitals gewinnorientiert tätig ist. Die grundsätzliche Verantwortung wird durch die öffentliche Jugendhilfe an freie und private Träger abgedrückt, welche überwiegend an Wirtschaftlichkeit und dem Mithalten am Markt orientiert sind. Durch eine restriktive Sozialpolitik öffentlicher Kostenträger, die sich unter anderem durch eine unzureichende Bewilligungspraxis bei einzelfallbezogenen Leistungen und Drückung von Kostensätzen stationärer Angebote deutlich macht, erfährt die Jugendhilfe einen Zwang zur Kostenersparnis. Am Markt mithalten können die Leistungserbringer*innen, die sich im Kampf um das günstigste Angebot gegen andere durchsetzen. Die Folge für die Beschäftigten sind untertarifliche Löhne, unsichere Arbeitsverhältnisse, Reduzierung von Personalschlüssel und die daraus resultierende Arbeitsbelastung. Diese Bedingungen sind hauptverantwortlich für eine hohe Mitarbeiter*innenfluktuation, was für die Kinder und Jugendlichen immer wiederkehrende Beziehungsabbrüche bedeutet. Das Spannungsfeld zwischen fachlichen und betriebswirtschaftlichen Anforderungen und die Verschlechterung der Reproduktionsbedingungen wirken sich auf die direkte sozialpädagogische Arbeit mit den zu Betreuenden negativ aus.

Die Gesundheitspolitik hat System – nur kein Gutes!
Die sogenannte häusliche Pflege wird seit Jahren überwiegend von Menschen aus dem osteuropäischen Raum ausgeführt. Schätzungen zur Folge haben 90 % der Transmigrant*innen keinen gültigen Arbeitsvertrag, was in der Lebensrealität zu miserablen Arbeitsbedingungen, Schutzlosigkeit, Ausbeutung, nicht gezahlten Sozialversicherungsbeiträgen, fehlenden arbeitsrechtlichen Möglichkeiten und teilweise zu Missbrauch der Arbeitnehmer*innen führt. Carearbeiter*innen der häuslichen Pflege leben meist in den privaten Räumlichkeiten der Familie, getrennt von ihrer eigenen und rund um die Uhr im Einsatz. Im Zuge der Pandemie steigt der Bedarf an häuslicher Pflegearbeit drastisch, jedoch gibt es Hinweise darauf, dass es für Haushalte und Vermittlungsagenturen schwerer wird, Arbeitnehmer*innen zu finden, die trotz der schlechten Bedingungen und monetären Vergütung diese Arbeit verrichten.

Die zunehmende Berichterstattung über die Zustände des hiesigen Gesundheitssystems ist richtig und wichtig. Doch sind hohe Arbeitsbelastung und schlecht ausgestattete Kliniken keine neue Erscheinung. Bereits vor der Pandemie stieß der Gesundheitsbereich im Kontext neoliberaler Politik, welche auf Wirtschaftswachstum, internationale Konkurrenz und die Verwertung des eingesetzten Kapitals setzt, an die Grenzen seiner Funktionsfähigkeit.
Während im Zuge der zunehmenden Privatisierung die Anzahl an Krankenhäusern zum Zweck der Kostensenkung immer weiter abnimmt, nehmen Fälle zu Behandelnder drastisch zu. Trotz dieser Entwicklung reduzieren vor allem große Konzerne, welche den Fokus auf Gewinnerzielung setzen, Stellen von nicht ärztlichem Krankenhauspersonal und drücken Personalkosten nach unten. Ziel ist es, dem Betrieb eine möglichst hohe Dividende zu entziehen und sich in die eigene Tasche zu wirtschaften. Nur selten werden diese für die Anpassung schlechter Personalschlüssel oder die Anschaffung notwendiger Materialien eingesetzt.
Durch einen hohen Kostendruck, welcher unter anderem aus der Einführung der Fallpauschale resultiert, kommt es zu systematischen Über- bzw. Unterversorgung von Patient*innen. Krankheiten gelten als lukrativ oder unrentabel für das Geschäft und es entsteht ein kontinuierlicher Konflikt zwischen Krankenkassen und Krankenhäusern. Eine effiziente Klinik bedeutet möglichst viele Patient*innen, mit möglichst wenig Personal, in kürzester Zeit zu behandeln. Ein solches System ist sowohl Patient*innen als auch den Beschäftigten gegenüber inhuman und unsolidarisch.

Die Pandemie, die für einen komplett veränderten Krankenhausablauf und ein Gefühl einer ständigen Alarmbereitschaft sorgt, ist eine zusätzliche Belastung aller Beschäftigten. Die Sparpolitik der letzten Jahre machte sich bereits in den ersten Monaten durch fehlende Fachkräfte und durch eine schnelle Annäherung an Kapazitätsgrenzen auf den Intensivstationen bemerkbar.
Ein ausführliches Gespräch mit einem Beschäftigten der Universitätsmedizin Greifswald im vergangenen Jahr zeigte deutlich unten, welchen Auswirkungen die Arbeiter*innen zu leiden haben.

„In der Greifswalder Universitätsklinik gibt es ein grundsätzliches Organisationsproblem. Die Leitungsebene hat sich nicht einmal die Bereiche angesehen, in der Corona- Pantient*innen aufgenommen und behandelt werden, aber setzt sich in Interviews hin und erzählt, wie schwer das alles ist. Das ist geheuchelt und sorgt für ein Gefühl, als würden wir nicht ernstgenommen“, so eine Pflegekraft der Universitätsklinik. Der Personalmangel sei deutlich spürbar, auch weil es nicht zu einer Erhöhung der Personalplanung komme. „Meist, arbeiten wir sieben bis zehn Tage in Folge. Häufig mehrere Tage hintereinander in Bereichen, in denen Corona Patient*innen und Verdachtsfälle behandelt werden. Dort ist auch das Tragen von Vollausrüstung notwendig, egal ob man in der Regel bis zu vier Stunden am Stück auf der Station ist.“ Es ist kein Geheimnis, dass es für die Länge des Tragens von Mund-Nasen-Bedeckungen ernst zu nehmende Empfehlungen gibt. Gerade im Kontext der pflegerischen und medizinischen Versorgung findet dies häufig aus fehlenden zeitlichen Ressourcen keine Anwendung. „Wir sind einfach zu wenig Leute. Wenn jemand ausfällt, arbeiten wir auf der Station auch Mal einen ganzen Tag nur zu dritt“, heißt es weiter. Schauen wir genauer auf die in den Lokalmedien hoch angepriesene Prämie, so wurde nach erheblichem Druck und erst Monate später lediglich die, im Tarifvertrag verankerte, Infektionszulage in Höhe von 3,-€ brutto pro Tag gezahlt. „Zusammengefasst ist die Stimmung wirklich im Keller. Wir müssen häufig Überstunden machen, schließlich geht es um Menschenleben. Wenn diese dann nicht ausgezahlt werden, dann zeigt das wohin der Kurs geht.“

Change the System!
Die Corona- Pandemie verdeutlicht Missstände in der unbezahlten und bezahlten Sorge- und Reproduktionsarbeit. Mit der Integration in transnationale Arbeitsmärkte, Privatisierungen, Ausbeutungsmechanismen, Sparmaßnahmen und Profitorientierung unterliegt sie zunehmend kapitalistischen Prinzipien und kann ihrer Aufgabe des sich Kümmerns nicht gerecht werden. In einem solchen System wird die Carearbeit als reiner Kostenfaktor betrachtet, was zwangsläufig zu einer schlechten Versorgung und personellen Einsparmaßnahme führt. Arbeiter*innen werden durch die immer stärkeren Standardisierungen und Sparmaßnahmen gezwungen, gegen ihren beruflichen Ethos zu handeln. Sorgearbeit soll wie industrielle Arbeit ausgeführt werden. Schnell, effizient und wirtschaftlich rentabel.
Um einer bedürfnisorientierten Unterstützung von Menschen gerecht werden zu können, braucht es eine gesellschaftliche Anerkennung aller Carearbeiten!

Es bedarf:

– eine grundlegende Neuausrichtung des Gesundheitssystems, das angemessen auf die Bedürfnisse der Patient*innen reagieren kann!
– Gemeinschaftlich statt gewinnorientierte soziale Einrichtungen, die sich nicht auf Profitmaximierung, sondern auf die Versorgung und Betreuung von Menschen fokussieren!
– eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und allgemein verbindliche Tarifverträge für alle Carearbeiter*innen!
– einen Ausbau der staatlichen Invenstionen in der sozialen Daseinsvorsorge!
– schluss mit Gender-Pay-Gap und ungleicher Verteilung der Erwerbs- und Sorgearbeit!

Wir dürfen ein „weiter so“ nicht länger hinnehmen. Lasst uns gemeinsam für eine solidarische Gesellschaft kämpfen. Um für uns und andere zu sorgen, brauchen wir einen radikalen Perspektivwechsel des politischen Handels!

United we stand. Divided we fall.
Antifa Defiant